Was ist yogisch – was ist unyogisch?

Im März und anlässlich unseres Themenmonats „Mit Kindern philosophieren“ stellten wir uns viele Fragen. Unsere Chefredakteurin Andrea Helten veröffentlichte parallel dazu auf ihrem Blog einen Artikel zum Thema „Ideen-Klau im Kinderyoga“ und beleuchtete hier erstmals ein eher tabulastiges Thema, das jedoch immer wieder traurige Realität ist. Unsere Redakteurin Elke Schwuchow griff auf der Basis des Artikels eine wichtige Frage auf: „Was ist yogisches Handeln? Und was nicht?“ Hier liest du die vielfältigen Antworten der Redaktionsmitglieder. 

Elke Schwuchow

Wenn ich wütend bin oder genervt und dies zeige, sagt mein Lieblingsmann gerne zu mir: „Du machst doch Yoga. Da musst du doch drüberstehen!“ Dann werde ich noch wütender… Kennste? Darf ich als Yogini nicht genervt sein? Ist das unyogisch? Nein, ist es nicht! Es ist menschlich. Es ist vielleicht sogar wesentlich yogischer, als meinen Unmut in mich hineinzufressen, unzufrieden und damit ungerecht zu anderen zu werden. Unyogisch ist für mich alles, was anderen Lebewesen vorsätzlich Schaden zufügt. Sei es mit Worten, mit Taten oder mit Gedanken. Aber auch mit Nichtstun und den Mund halten, also Wegschauen und Ignoranz kann ich zu Unrecht beitragen. Yogisch ist es in meinen Augen, in Frieden mit allen Lebewesen zu sein, gönnen zu können, mich für andere freuen zu können. Es bedeutet auch, friedlich und liebevoll mit mir und meinem Körper, als der Heimat meiner Seele zu sein. „Lokah Samastah Sukhino Bhavantu“ ist für mich der Inbegriff des yogischen Lebens. Das ist nicht immer leicht und auch mir fällt es manchmal schwer diese Milde, Güte und das Wohlwollen für alle und alles zu spüren. Aber ich arbeite daran, manchmal auch, indem ich wütend werde…

Roswitha Gubin

Ich persönlich finde diese Frage wirklich schwierig. Denn für jeden ist wahrscheinlich etwas anderes yogisch. Wenn ich an Yoga denke und somit an etwas Yogisches, dann denke ich an Ausgeglichenheit, Freude, Ruhe und Vollkommenheit.
Es ist für mich eine innere Ruhe, etwas, dass mein Herz berührt und mir eine wohlige Gänsehaut über den Scheitel und Rücken jagt. Es ist dieser erste tiefe Atemzug, nachdem du vergessen hast zu atmen und dieses unglaubliche Gefühl nach einem wunderbaren Traum. Es sind die ersten Sonnenstrahlen nach einem langen Winter und der Geschmack deines Lieblingsessens auf der Zunge. Es ist eine Umarmung von einem Lieblingsmenschen und ein gutes Buch, das dich bis in die Zehenspitzen berührt. Es ist der erste Schnee, der einen wie ein kleines Kind fühlen lässt und der Duft nach einem Sommerregen. Es ist das ausgelassene Lachen voller Lebensfreude und ein Film, der dich zu Tränen berührt. Es sind die kleinen Momente, die du bewusst wahrnimmst und in denen du einfach nur vor Glückseligkeit für dein wunderbares Leben dankbar bist.
Das alles ist für mich yogisch.

Andrea Helten

Ich beziehe das Thema jetzt mal einzig auf ein eher unangenehmes Thema: Yogis und Yoginis, die sich gerade im Kinderyoga mit fremden Federn schmücken. Mein Artikel zum Thema Ideen-Klau brannte mir schon länger unter den Nägeln. Immer wieder sprach ich zu Recherchezwecken vorab auch mit Kolleg*innen und spürte, wieviel Herzblut in Posts, Angebote und Inhalte einfließen, wie freigebig viele in der Kinderyogaszene sind. Und wie enttäuschend es für diese Kolleg*innen ist, wenn es immer solche gibt, die nur nehmen. Nehmen, ohne Credits zu nennen, ohne zu fragen, ohne Rechte am Text oder gar an Fotos zu haben. Die nehmen und – das ist dann die kriminelle Stufe – sogar fremdes Material zu ihrem eigenen werden lassen. Auch ich habe schon einige Male erlebt, wie Fotos von meiner Tochter und mir auf mir völlig fremden Websites auftauchten. Mal wurde auf meine Frage nach der Erlaubnis hilflos-unwissend reagiert, mal die schnippische Antwort gefunden, ich sei „unyogisch“.

Zuerst mal bin ich ethisch denkender und handelnder Mensch. Und für mich bedeutet das: Von anderen zu nehmen, geistiges Eigentum wissentlich zu stehlen, ist nicht im Sinne von „Asteya“, dem Yama. Und damit meine ich nicht, Inspirationen bei anderen einzuholen. Das ist absolut wünschenswert und ok und ich lasse mich auch gern inspirieren. Ich finde jedoch, ein Yogi, eine Yogini darf bei schriftlichen Konzepten, Fotos, Texten wissen, wo die ethische Grenze verläuft. Und gern andere als Urheber nennen, wenn diese gute Ideen hatten. Das ist für mich yogisch.

Thomas Bannenberg

Was ist yogisch/nicht-yogisch für Dich?! Satya, zu deutsch etwa Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit ist für mich yogisches Verhalten. Einzustehen für eigene Fehler, sich selbst und anderen gegenüber aufrichtig sein. Wahrhaftig sein bedeutet im sportlichen Umgang fair und ohne unerlaubte Mittel gegen andere anzutreten. Regeln nicht zu biegen und zu dehnen, um einen (vermeintlichen) Vorteil zu erzielen.
Sich in den eigenen Möglichkeiten erkennen und die eigenen Grenzen zu akzeptieren – gerade dann, wenn andere „viel weiter“ zu kommen scheinen.

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