(Wie) Kinderyoga wirkt – aus der Sicht einer Ärztin

Unsere Gastautorin Dr. med. Stella Maria Cifuentes Belmar hat für uns die Vorzüge des Kinderyoga zusammengetragen.

Wir singen Mantras, manschen mit Rasiercreme, genießen Igelball-Massagen, werfen bunte Tücher in die Luft. Wir sind mal schillernde Schmetterlinge, mal pinkelnde Hunde, mal galoppierende Wildpferde oder brüllende Löwen. Wir reisen in der Fantasie nach Indien, Afrika – wonach uns eben gerade der Sinn steht. 

Yoga mit Kindern und Jugendlichen klingt nach ziemlich viel Spaß.

Aber abgesehen davon, dass Spaß im Leben wichtig ist und wir einen geschützten, wertfreien Raum für Leichtigkeit bieten können, kann Yoga noch viel mehr: Er kann Kinder und Jugendliche in Ihrer Entwicklung begleiten, vorhandene seelische oder körperliche Beschwerden lindern oder im Idealfall verhindern, dass solche überhaupt erst entstehen. 

Ein paar Erklärungsansätze dafür warum das funktioniert, möchte ich euch heute näherbringen.

Zunächst wollen wir den Status Quo betrachten: „Was kann man als Kind oder Jugendlicher schon für Beschwerden haben?“ mag man sich jetzt vielleicht fragen. Leider zeigt der Stand der Forschung, dass diese schon im jungen Alter wesentlich vielschichtiger sind, als man meint: Stress in der Schule, in der Familie, mit Freunden, mit der ersten Liebe, mit dem eigenen Körper können schon früh zu Belastungen führen. Ganz zu schweigen von der Pubertät, die eine einzige Großbaustelle ist in der innerhalb weniger Jahre das Gehirn und der Körper eines Kindes zu dem eines Erwachsenen ‚umgebaut‘ werden soll. Dass da einige Stolpersteine im Weg liegen, ist absehbar. 

Kind sein, jugendlich sein – heutzutage ist das nicht so einfach

Verschiedene Studien aus den vergangenen 10 Jahren besagen, dass 15% der Kinder und Jugendlichen sich stark belastet fühlen. Eine groß angelegte Befragung konnte 2017 erfassen, dass bis zu 25% der Kinder und Jugendlichen zwischen 10 und 17 Jahren bereits psychische Probleme aufweisen, die zum Teil professionell behandelt werden müssen. 

Zu den vornehmlichen Schwierigkeiten zählen unter anderem auf kognitiver Ebene Konzentrationsschwierigkeiten, Unzufriedenheit und Überforderung. Emotional werden häufig Ängste, Wut und Traurigkeit genannt. Auf körperlicher Ebene stehen Verspannungen, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Erschöpfung oder Schlaflosigkeit als Folgen im Vordergrund. Dass Kinder und Jugendliche mit dem Alltag und dessen Anforderungen konfrontiert sind, ist nicht immer zu vermeiden. Mit Yoga steht uns jedoch ein kraftvolles Mittel zur Verfügung, Kindern und Jugendlichen Wege aufzuzeigen, sich gesund zu entwickeln und mit dem Auf und Nieder des Lebens besser umzugehen.

© Owen Beard / Unsplash
© Owen Beard / Unsplash

Yoga: (Nicht nur) Gut für den Muskeltonus

Kommen wir zunächst zur Asana-Praxis und deren Wirkung: Abgesehen davon, dass es sinnvoll ist, Kindern Spaß an Bewegung zu vermitteln, unterstützen altersangemessene Übungen die Entwicklung des Kindes: Um sich gesund entfalten zu können, brauchen sowohl Muskeln als auch Knochen regelmäßige Bewegung. Durchgängig angespannte Muskulatur ist jedoch wie im Folgenden zu sehen sein wird, auch nicht wünschenswert. Daher geht es wie immer um den Mittelweg, beziehungsweise um die bewusste Fähigkeit, entspannen zu können. 

Vermutlich sind die Begriffe ‚Sympathikus‘ und ‚Parasympathikus‘ nicht neu: die beiden sind sogenannte Gegenspieler des vegetativen Nervensystems. Je nachdem welcher Teil aktiv ist, wird der Körper auf Anspannung (Sympathikus) oder auf Entspannung (Parasympathikus) vorbereitet. Durch Stress und Druck von außen wird der Sympathikus aktiviert, der Muskeltonus steigt und der durchgängig oder in hohem Maße angespannte Körper signalisiert dem Gehirn dauerhaft Angst, Unruhe und Stress. Adrenalin wird ausgeschüttet, der Blutdruck steigt an, der Atem wird flacher und schneller, der Tiefschlafrhythmus gerät aus dem Gleichgewicht. Das Gehirn geht davon aus, dass eine Gefahrensituation vorliegt und hält den ganzen Körper auf Anspannung, um eine möglicherweise notwenige Flucht (bzw. Verteidigung) vorzubereiten. So entsteht ein Teufelskreis. 

Mit Yoga lässt sich dieser durchbrechen, indem gezielt zwischen Anspannung und Entspannung gependelt wird. Kinder und Jugendliche können erfahren, wie sich ihr Körper im angespannten und im entspannten Zustand anfühlt. Darauf basierend können sie lernen, diese Entspannung willentlich herbeizuführen und so dem Gehirn „Entwarnung“ zu geben, indem der Parasympathikus aktiviert wird. Je geübter man darin wird, desto bewusster lässt sich dieser Wechsel reproduzieren. 

Ein weiterer positiver Nebeneffekt ist, dass die Muskeln eher bereit sind, zu entspannen, wenn sie regelmäßig den Wechsel zwischen An- und Entspannung erfahren. Asanas können Kindern und Jugendlichen außerdem zu einer gesunden Körperhaltung verhelfen, welche sich wiederum direkt auf die Psyche auswirkt. In der klassischen Haltung vieler Jugendlicher – Kopf und Schultern hängen, der Rücken ist gebeugt, er/sie macht sich so klein und „unsichtbar“ wie möglich – dominiert das Stresshormon Cortisol das System. Dieses signalisiert dem Gehirn ebenfalls Gefahr und Stress. Durch Aufrichtung, wie sie im Yoga praktiziert wird, erfolgt bereits nach kurzer Zeit ein Abfall des Stresslevels und Anstieg des Energielevels und der Stimmung. Die Senkung des Cortisolspiegels ist außerdem positiv fürs Immunsystem, senkt Herzfrequenz und Blutdruck. 

Mit Pranayama und Meditation kinderleicht in die Entspannung

Kommen wir nun zur Wirkung von Pranayama und Meditation. Auch wenn es immer wieder Diskussionen darüber gibt, inwiefern Pranayama und Meditation schon mit den Kleinsten praktizierbar ist: Meiner Meinung nach kann man Kinder nicht früh genug altersgerecht an diese Techniken heranführen. Schon im Kindes- und Jugendalter ist die Atmung oft flach und oberflächlich. Üben wir mit den Kindern und Jugendlichen das tiefe Atmen (mit dem Fokus auf das Ausatmen) auf spielerische Weise, wird der Sympathikus gehemmt, der Parasympathikus aktiviert und wir erreichen mit einfachen Mitteln eine Entspannung des gesamten Systems. 

Wenn Stress wie an einem Gummstiefel abperlen darf

Die Bauchatmung wirkt außerdem wie eine Massage für alle Organe, was wiederum die Durchblutung und den Stoffwechsel verbessern kann.  Ob Druck und Stress seelische Spuren hinterlassen oder aber abperlt wie Regentropfen an einem Gummistiefel, hängt außerdem unter anderem von der psychischen Widerstandfähigkeit, der sogenannten ‚Resilienz‘ ab. Diese wiederum steigt mit den Bewältigungsstrategien, auch ‚Coping-Fähigkeiten‘. Stehen nicht ausreichend solcher Fähigkeiten und eine zu geringe Widerstandfähigkeit zur Verfügung, kann es zu langfristigen Folgen wie aggressivem Verhalten, sozialem Rückzug, hoher Ängstlichkeit und Erregbarkeit oder depressiver Entwicklung kommen. 

Sind jedoch ausreichend solcher Fähigkeiten vorhanden, lässt sich mit Stress und Druck besser umgehen und man bleibt nicht darin verhaftet. Durch die Yogapraxis – vor allem dem Üben von Pranayama, Meditation, Achtsamkeit, Mantras und der spielerischen Vermittlung der Yogaphilosophie – kann die Resilienz gestärkt werden, Bewältigungsstrategien können erlernt werden und in den Alltag integriert werden. So können Kinder und Jugendliche schon früh lernen, den „Affen im Kopf“ zu zähmen. Abgesehen davon lassen sich mit Hilfe der Yogaphilosophie Antworten auf Fragen von Jugendlichen anbieten und so vielleicht ein wenig mehr Licht und Richtung in den Dschungel der Pubertät bringen.

Wichtig: Der spielerische Zugang

Viel mehr aber, als im frühen Kindesalter bereits irgendwelche Techniken perfekt zu erlernen, sollte es darum gehen, spielerisch an das, was Yoga bieten kann heranzuführen. Dann findet man als Jugendliche/r und später als Erwachsene/r einen einfacheren Zugang dazu und kann davon profitieren. 

Denn ohne zu hoch greifen zu wollen: Wer den Schatz, den Yoga uns bietet, um körperlich, seelisch und geistig gesund zu bleiben in jungen Jahren spielerisch und altersgerecht nähergebracht bekommt, kann ein Leben lang daraus schöpfen. Mit den Worten Swami Vishnudevanandas: „Gesundheit ist Reichtum, geistiger Frieden ist Glück, Yoga kann den Weg zeigen“.